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Mobilität in der Nachkriegszeit
Automobilität
Fahrradgeschichten
Schon vor dem Krieg waren meine Eltern recht mobil. Hunderte von Kilometern legten sie zurück: mit
dem Fahrrad.
Mit dem Beginn des Kriegs wurde auch mein Vater eingezogen und nahm als Kompanieschreiber am Russlandfeldzug
teil. Nach seinen Erzählungen
haben sie viele Strecken zu Fuß, gelegentlich mit der Eisenbahn und Lastkraftwagen zurückgelegt, aber
auch mit Motorrädern und vor allem mit
Fahrrädern.

Fahrradtour 1942: meine Mutter mit meinem älteren Bruder beim Gasthof Pape in Hoope
Auf der Flucht vor Gefangennahme verschaffte er sich bei seinen Verwandten in Goldbeck ein Fahrrad,
welches ihm aber von plündernden
Fremdarbeitern abgenommen wurde, weil ihm das Leben lieber war. Zu Hause wartete dann meine Mutter,
die ihr Fahrrad und auch das meines
Vaters über die Kriegsjahre hinweg gerettet hatte. Weil es keinen Ersatz gab hatte sie auch die Reparatur
der Bereifung lernen müssen und war
auch ansonsten nicht ungeschickt dabei, wenn es um den Transport mit 3 Kindern ging. Auch Kartoffeln,
Brennholz und alles mögliche andere
wurde auf dem Fahrrad transportiert.
Ich lernte das Radfahren, als ich wohl so 5 – 6 Jahre alt war, und zwar auf einem Damenrad. Kinderfahrräder
gab es nicht. Später, als ich zwar
Radfahren konnte, aber meine Mutter ihr Rad brauchte, nahm ich das Herrenrad von meinem Vater, konnte
zwar noch nicht auf dem Sattel sitzen,
aber konnte mit einer gewissen Akkrobatik unter der Querstange durch die Pedalen erreichen und treten.
Mein allererstes Fahrrad war dann ein etwas größeres Kinderrad, welches Frau Meyer, eine Flüchtlingsfrau
aus dem Osten mitgebracht hatte, aber
nun nicht mehr brauchte. Das Fahrrad erregte sehr schnell den Neid vieler anderer Kinder, denn es hatte
einen grünen Rahmen, einen
ungewöhnlich gebogenen Sportlenker und recht breite hellbraune Felgen, wie man sie bei den hiesigen
Fahrrädern nicht kannte. Mit dem Rad bin
ich dann einige Jahre gefahren, bis das Tretlager kaputt war.
Aber es nahte ja die Konfirmation und da bekam ich dann eine „Vaterland“ Fahrrad, zwar ohne Gangschaltung,
aber mit immerhin 30 Jahren
Garantie auf den Rahmen. Theoretisch hätte ich also das Rad bis 1984 mit er Garantie fahren können,
aber es hat nur meine Schulzeiten in Hagen
und Bremen und meine Zeit als Lehrling überstanden.
Ich hätte zeitlebens gern einen Motorroller gehabt, hab auch lange Jahre dafür gespart, das Geld aber
immer wieder für etwas anderes
ausgegeben, dennoch verschaffte ich mir zumindest das Gefühl, und zwar schon als kleiner Junge. Wer
die Idee hatte kann ich nicht mehr sagen,
aber plötzlich machten es alle Jungs im Dorf: Wir besorgten uns ein festes Stück Pappe, befestigten
daran einen Bindfaden, knickten diese Pappe
und klemmten sie unter die Halterung des vorderen Schutzbleches. Wenn wir dann losfuhren, erzeugte die
Pappe, die jetzt gegen die Speichen
schlug, das Geräusch eines Motors. Je schnell wir fuhren, desto lauter knatterte es. Am Bindfaden zogen
wir, um die Lautstärke zu erhöhen. Ach,
war das herrlich.
Aber irgendwann, ich war vielleicht 16 Jahre alt geworden, kriegte ich dann doch mein „Motorrad“ im
wahrsten Sinne des Wortes, nämlich einen
Lohmann Diesel, den man unter dem Tretlager befestigte und dessen Gummirolle das Hinterrad antrieb.
Gespeist wurde der Motor mit Petroleum,
welches ich literweise aus der Apotheke holte und dann in den kleinen Tank kippte. Den Motor hatte ich
von Frau Kesselhuth, der Frau des
Rektors der Volksschule geschenkt bekommen und selber samt Drehgriff an meinem „Vaterland“ Rad montiert.
Da der Motor lange nicht in Betrieb
gewesen war, sprang er erst nach vielen Versuchen an, die auf der Burgallee stattfanden, denn durch
das Dorf traute ich mich noch nicht damit.
Auch hatte ich noch keinen Führerschein. Von Versicherung war auch keine Rede.
Und dann sprang der Motor plötzlich doch an und ich ratterte los. Es war ein himmlisches Gefühl, motorisiert
zu sein und nicht mehr diese
lächerliche Pappe knattern lassen zu müssen. Die Burgallee rauf und runter, bis zum Wendeplatz und wieder
zurück. Irgendwann packte mich der
Übermut und ich sauste den Amtsdamm runter bis zur Abzweigung nach Sandstedt und wieder zurück. Dabei
musste ich dann auch wohl
aufgefallen sein, denn der nicht mehr vorhandene Auspuff verstärkte den Lärm und außerdem zog eine Schwade
hellgrauer Abgase hinter mir her.
Schon am Mittagstisch kriegte ich von Vater dann meine Gardinenpredigt. „Das Ding wird wieder abgebaut
und du fährst wieder Fahrrad, wie sich
das gehört!“ Dem musste ich mich nun wohl oder übel beugen. Es hätte ja sonst sowieso täglich Ärger
gegeben. ...
Irgendwann in den 50er Jahren schafften sich meine Eltern dann auch ein Auto an .... und ich in den
60ern. Aber das sind dann wieder ganz
andere Geschichten, zu lesen ab Seite 158.

Bitte senden Sie Ihre Kommentare an Rolf Augustin. Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisert am 20.09.2010.
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